Die erste habe ich bekommen, während wir meine Folien für den Vortrag besprochen haben, den ich am Donnerstag halten soll. Das Publikum besteht aus Vertretern unserer Business Units, denen gegenüber wir uns gut darstellen sollen. Das ist solange ok, solange es nicht notwendig wird, explizit und fast wörtlich herbeten zu müssen, dass wir toll sind, weil wir ganz viele Dinge tun. Wenn es jedoch in die Angeberrichtung abdriftet, dann wird es unangenehm.
Wie dem auch sei - wir sind also toll und wir sagen das auch so. Mann, sind wir toll. Meine Brust ist stolz geschwellt. Die Anweisung, das so rüber zu bringen, kommt von meinem Chef.
Die zweite Lektion kommt von eben diesem selben Chef. Wir sitzen - nachdem wir mit den Folien fertig sind - beim Mittagessen. Da erzählt er, wie er mit einem anderen Mitarbeiter zusammen einen Workshop zum Thema "Lean Innovation" in unserem Hause besucht hat. Es ging darum, - Achtung!! - mit Hilfe der Value Stream Analyse den Innovationsprozess, der von unserer Vorfeldabteilung zusammen mit den Business Units gelebt wird, zu analysieren und Bottlenecks herauszufinden. Ich finde, bereits dieses Unterfanger selbst ist so goddamn-scheiss-innovativ, dass wir schon dafür gleich ne 1 verdient hätten. Aber egal. Es läuft darauf hinaus, dass von jedem an "Innovationen" Beteiligten, sei es Chef oder Entwickler, Informationen benötigt werden, wann und wie durch zeitnahe Kommunikation die Performance des Innovationsprozesses möglichst gut gestaltet wird.
So weit so gut.
Jetzt muss man wissen, dass mein Chef und der Leiter derjenigen Entwicklungsabteilung, die diesen Zirkus veranstaltet hat, sich schon lange kennen und schon viel miteinander erlebt haben. Und weil das so ist und weil der Chef der Entwicklungsabteilung nicht den Ruf bekommen möchte, Fehler zu machen, spricht man sich ab und berichtet in diesem Workshop nicht, dass man schon eine geraume Zeit, dieselben Themen parallel bearbeitet hat. Das hätte nämlich auf ein Kommunikationsproblem schließen lassen können und das Ergebnis der Value Stream Analyse hätte möglicherweise als Ergebnis ein Verbesserungspotential zutage gefördert.
Nein, das wird nicht gesagt. Auch nicht von meinem Chef, der eigentlich die Leistung seines Mitarbeiters hätte vertreten sollen. Stattdessen spielt er das Spiel des Entwicklungsleiters mit und tut so, als ob sein Mitarbeiter erst zu einem für das Projekt günstigen Zeitpunkt eingestiegen ist und so der Innovationsprozess sehr gut gelebt wird. Im Gegenzug bekommt er vom Entwicklungsleiter ein glänzendes Zeugnis für die Performance seines Mitarbeiters, was natürlich auch für ihn gut aussieht.
Ich fasse zusammen: Mein Chef will von mir einerseits, dass ich unsere Abteilung bei der Vorstellung eines Projekts als die Makker schlechthin darstelle, um dann auf der anderen Seite selbst nicht den Arsch in der Hose zu haben, sich selbstbewußt zu präsentieren. Gut, das ist noch das kleiner Problem.
Das größere Problem für mich ist folgendes: Wenn ich höre, dass ab der Ebene der Gruppenleiter (mein Chef) bewußt nicht die Wahrheit gesagt wird - man könnte auch sagen, es wird gelogen - und wenn ich mir vorstelle, dass dies von anderen Chefs in der Firma auch getan wird, damit nicht zutage tritt, dass sie Fehler machen (was ja auch kein Grund ist, ihnen den Kopf abzureißen), was sagt mir das dann über die Kultur in der Firma? Was?
Wieso begreift man sich nicht als Team, das versucht, die Firma voran zu bringen, wenn man einen solchen Workshop abhält? Wieso werden solche Vorgänge auf die persönliche Ebene abgebildet ("Ich habe es nicht als meine Aufgabe gesehen, Herrn XYZ anzuschwärzen.")? Wieso wird zu einem solchen - eigentlich gut gemeinten - Anlass gelogen? Und wenn sich alle Chefs belügen, wie kann dann ein so riesiges Gebilde wie die Firma, in der ich arbeite überhaupt funktionieren?
Ist das nur eine Illusion?
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